Manchmal beim Arzt lese ich yellow-press. Die meisten Leute dort kenn ich nicht mehr. Ich habe auch keine Ahnung, was sie können. Am Rande bekomme ich mit, dass Leute heute verehrt werden, weil sie sich pink anziehen können, einen Po haben oder – weshalb macht Ihr das?- einfach sinnlos andere Leute niedermachen. Ich hingegen mag Leute, die echt was auf der Pfanne haben. Einer davon ist eines meiner Lieblingsvorbilder (ich habe 4 davon), der Mediävist Arnold Esch. Jeder möchte eigentlich schreiben können wie er. Seine Texte sind wie Nougat. Du steckst sie Dir in den Kopf und sie verheißen alles Gute in der Welt, machen ein warmes Gefühl, nehmen Dich mit auf eine Wiese vor Rom in der Renaissance. Du kannst den Kardinälen beim Kirschenpflücken für den Papst zusehen oder mit einem Finanzbeamten durch die sengend heiße Stadt laufen und an den Türen der römischen Bürger kopfen, bis Dir selbst die Schweißperlen laufen und Du alle Familien in Trastevere kennst – im 15. Jh.

Die Texte wispern Dir auch zu: sorge Dich nicht. Es gibt keine Regeln. Sie sind nur in Deinem Kopf, nimm sie nicht an, mach einfach, was Du willst und mach, dass es gut klingt. Dann nehme ich meinen jämmerlichen literarischen Zauberstab, um die Welt ein bisschen so zu verzaubern und aus ihm spotzen drei erbärmliche Fünckchen. Die Texte sagen dann: nicht schlecht für den Anfang. Noch 30 Jahre Übung. Hab nur Mut. Was Linus sein Schnufeltuch ist mir „Landschaften der Frührenaissance“. Ich schleppe es mit. Mein Mann fragt auf Kurzreisen „Hast Du Arnold dabei?“. Und irgendwie gehört er zur Familie. … Ich kenn den Mann gar nicht.

Heute ändert sich das. Er spricht und wir dürfen kommen. Das ist wie eine Einladung von der, die sich rosa anziehen kann. Oder von George Clooney. Auf jeden Fall ist es für die vielen schönen Stunden gerechtfertigt, dass man sich gut anzieht. Code. Code (meistens Hosenanzug mit Bluse) ist eine komische Sache. Code heisst: ich kenne den Code, ich werde ihn einhalten. Code heisst auch: ich erwarte, hier ernstgenommen zu werden. Code für Frauen ist schwierig. Bedeuten Hosenazüge nun, dass die Frau sich weigert, eine Frau zu sein? Sollte sie Röcke tragen? Bedeuten Röcke nun, dass sie zu sehr darauf setzt, eine Frau zu sein? Was ist mit Schminke? Schminke und Intelligenz sind eine Gratwanderung. Haben geschminkte Frauen überhaupt etwas drauf? Deshalb bekommt er den MEGACODE. Nude-schwarz-nude-schwarz. Das Irre an Codes ist: es klatscht keiner. Eigentlich kannst Du aussehen, wie Du willst. Es ist nur in deinem Kopf. Ich trage Code:

  • auf Premieren
  • bei meinen eigenen Vorträgen
  • wenn mir danach ist
  • wenn ich arbeite (außer an Montagen mit Hackenporsche)
  • bei Anlässen (auch nichtigen – einfach aus Respekt)

Code ist das Baumwolldress von früher. Manchmal fände ich es auch besser, wieder in eine blaue Hose hopsen zu können und mir ein Stethoskop um den Hals zu hängen (was übrigens auch ein Code ist).

Ich habe vielleicht weniger Probleme damit, weil ich ein 80er Kind war. Ich liebe Blazer. Ich habe Haufenweise. Über den Rest sollen sich die Jungen Gedanken machen.

Ach ja, Code. Heute Abend also, trage ich Schuhe, die ich gerade erst gekauft habe. Sie werden drücken, es wird nicht schön sein. Meine Füße werden anschwellen und ich werde angestrengt versuchen, nicht angestrengt auszusehen. Der Mann weiß das nicht. Ich habe für diese Aktion, die keiner wahrnimmt oder sieht, eine Verkäuferin an den Rand der Dienstuntauglichkeit gebracht, weil ich einfach genervt habe, als wäre es nicht irgendein Laden sondern handmade in Mailand. Es tat mir leid, aber das war er mir wert. (Vielleicht kaufe ich ihr mal eins seiner Bücher, damit sie mich besser versteht).

Meine Vorbereitungen im Bad werden denen von Bridget Jones um nichts nachstehen. (Vorteil, um Schlüppa muss man sich überhaupt keine Sorgen machen!)

Auch die Mädels sehen phantastisch aus. Beine bis in den Himmel (heul doch, Beyoncé!) und eigentlich müsste Lagerfeld um die Ecke geschossen kommen und beide wegschnappen. Am Ende werden wir aber bloß drei Gestalten gewesen sein, die er am Rande wahrnimmt und die ihn mit einem Selfie genervt haben (falls man sich traut, das zu fragen und überhaupt durch die Massen kommt). Und ich werde abends wieder in meine Latschen zurückhopsen und davon träumen, einmal Texte wie Nougat produzieren zu können.

Schuhe

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